gegenwind


ich hab’ mich sehr gefreut, als karin maria heigl von der nön erlauftal auf mich zukam, weil sie ein interview rund um pferdefleischskandal und bio machen wollte. dass ich damit provozieren könnte, war zwar klar, gedacht habe ich aber nicht wirklich daran. der leserbrief einer erbosten landwirtin zeigte es mir. meine replik habe ich ihr dann mit der post geschickt. ich hätte nämlich schon sehr gerne, dass sie mich versteht.
eine chronik …

nön_interview_märz 2013

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Wien, 23. April 2013

Sehr geehrte Frau B.!

Ich habe Ihren Leserbrief als Reaktion auf mein Interview in der NÖN gelesen und möchte darauf antworten. Die Aussage „Das Vieh der Reichen frisst die Nahrung der Armen“ hat Sie offenbar sehr verärgert. Sie haben es allerdings missverstanden. Mit den „Reichen“ waren nicht die Bäuerinnen und Bauern gemeint, sondern die Wohlstandsgesellschaften in den Industrieländern, allen voran in der EU und den USA.
Leider gibt es jede Menge Daten und Fakten, dass es global gesehen leider die Wahrheit ist, dass unsere Gier nach Fleisch den Welthunger verschärft: Zirka eine Milliarde Menschen weltweit haben zu wenig zu essen, obwohl genug produziert wird – produziert würde. Denn auf den bebaubaren Flächen wird oft nicht Nahrung angebaut, sondern Futtermittel, die dann quer über den Globus transportiert werden, um in den Industrieländern an Nutztiere verfüttert zu werden. Und das wird noch schlimmer werden, jetzt, da Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien auch vermehrt Fleisch essen wollen. Ich lege Ihnen beispielhaft einen Auszug aus dem kürzlich erschienenen Fleischatlas bei, der auch einige Daten und Fakten dazu liefert. Ich selbst habe mich meiner zwei Jahre Entwicklungshilfe in Mosambik vieles gesehen, was dieses theoretische Wissen traurigerweise veranschaulicht hat.
Für mich ist die Konsequenz aus all’ dem aber nicht der Verzicht auf Fleisch. Leber esse ich genau so gerne wie mein Opa. Und wahrscheinlich genau so oft: nämlich ein paar Mal pro Jahr. Das ist nämlich genau der Punkt. Mein Opa hat in vielerlei Hinsicht so gegessen, wie wir sollten: viel Obst und Gemüse, der Jahreszeit angepasst, nur so viel, bis er satt war, hin und wieder geschlemmt, dann aber das Nachtmahl ausfallen lassen, und Fleisch relativ selten.
Dass ich einen ganzen Berufsstand verunglimpfe, dagegen wehre ich mich entschieden! Ich gebe viel Geld für Lebensmittel aus, kaufe regelmäßig und viel aus Direktvermarktung. Ich habe eine hohe Achtung für alle Bäuerinnen und Bauern, sind Sie es doch, die unsere Lebensmittel produzieren! Außerdem bin ich sehr kritisch, was Agrarpreise und die landwirtschaftliche Subventionspolitik betrifft. Ich finde, für gute Lebensmittel müssen Sie als Produzenten auch ordentlich bezahlt kriegen!
Meine Philosophie ist: gut statt viel. Wenig Fleisch, dafür beste Qualität: Die Schweindln, die ich esse, haben auf der Weide gelebt und Futter gefressen, das regional in der Steiermark wächst (Labonca-Biohof), den Bauern und den Verarbeiter kenne ich persönlich. Ich esse vielleicht fünf Mal im Jahr so einen Schweinsbraten, und Schweinsbraten, von dem ich nicht weiß, wo das Fleisch herkommt, esse ich gar nicht. Und für das gute Fleisch, das so produziert wurde, wie ich das für gut und richtig und wichtig halte, zahle ich dann um die 20 Euro fürs Kilo. Das ist es mir wert.

Ich würde mich freuen, wenn Sie jetzt meine Argumentationsweise besser nachvollziehen können. Leider ist in der Zeitung meistens viel zu wenig Platz, um alles ordentlich erklären zu können!

Beste Grüße,
Theres Rathmanner

 

haben wir alles falsch gemacht?

haben wir alles falsch gemacht?


kürzlich bat mich ein freund, gut-, nachhaltig-, gerne- und low-carb-esser, um meine meinung zu obiger publikation (volltext). das ist sie:

lieber …,
das paper, das du mir geschickt hast, hat für mich (und wohl auch für dich) kaum neuigkeitswert: man kann der wissenschaft oft auch nicht trauen, weil sie selektiv (und interessengeleitet) forscht und argumentiert, fett ist besser als die ernährungswissenschaft das lange dargestellt hat, lebensmittel auf einen nährstoff herunterzubrechen wird niemals dem mehr-als-die-summe-der-teile-prinzip gerecht und es gibt keine guten und schlechten lebensmittel, man kann aber jedes in gutem oder schlechtem licht betrachten.
die autorInnen kommen klar aus der pro-fett-und-fleisch-fraktion. leider haben sie sich für mich ins out geschossen, als sie begonnen haben, pflanzen(-öl)-bashing zu betreiben. und auch der hinweis, makrele hätte die doppelte menge an kalorien und gesättigtem fett wie schwein, ist mir zu plump.
fazit: ich gebe ihnen inhaltlich über weite strecken recht, es wäre aber fein gewesen, die argumentation nicht so plump pro-fleisch zu fahren. abgesehen davon fehlen aspekte wie produktionsbedingungen vollkommen. und jener, dass high meat sich weltweit einfach nicht ausgeht und wir lieber vom recht auf fleisch weg- denn darauf zusteuern sollten.
liebe grüße,
theres

lieblingsessen-empirie (nachtrag …


… zum geschmacksalon)

ich fange jeden kinderworkshop mit folgenden drei fragen an (ja, auch aus forschendem interesse, klar!)
1. wie heißt du?
2. was isst du am liebsten?
3. was ist dein lieblingsgetränk?

folgende nennungen kamen am sonntag (n = 25, nicht alle haben alle fragen beantwortet):
[1. tut hier nichts zur sache]
2. “kann ich nicht sagen, ich ess’ so vieles gerne” (5), palatschinken (2), grießnockerlsuppe (1), paradeissuppe (sic!) (1), pommes (1), pizza (1), spaghetti (1), schnitzel (1)
3. apfelsaft (10), nicht näher bezeichnete fruchtsäfte (5), orangensaft (2), wasser (1), cola (1, ich schwöre!), andere limonaden (0, ich schwöre noch einmal!)

ich find’ das sehr interessant …

geschmacksalon für kinder beim salon des mostes

geschmacksalon für kinder beim salon des mostes


kinderveranstaltungen als nebenschauplatz von erwachsenenveranstaltungen haben oft so ein flair von machma-halt-auch-was-für-die-kinder. das mag ich gar nicht, da fehlt mir die wertschätzung. wenn’s ein kinderprogramm gibt, dann muss das auch was ordentliches sein: gut vorbereitet, professionell gemacht. kein neben-, sondern ein zweiter hauptschauplatz. und wenn das ein bissl was kosten darf, weil man sich eineN profi holt, dann ist das würdig und recht.
ich mag es, wenn’s so läuft wie beim salon des mostes gestern auf der schallaburg. schon bei den wegweisern herrschte ebenbürtigkeit: ein a-ständer wies nach links zum salon des mostes (für die erwachsenen), der andere nach rechts zum geschmacksalon für kinder. wir hatten einen super seminarraum, und ich hab’ mich ins zeug gehaut.
und es war wieder so: mit kindern zu arbeiten, ist mir eine besondere herausforderung und eine besondere freude. das feedback kommt unmittelbar und unmissverständlich. wenn du sie nicht fesseln kannst, ist die sache ganz schnell gelaufen. wenn es dir aber gelingt, sie zu begeistern, kriegst du ungebändigte freude zurück. und dann fährst du mit sooo einem grinser heim.

vielen herzlichen dank dem mostviertel-tourismus, allen voran gudrun wiesenhofer, und der schallaburg für die gute zusammenarbeit! und dank an alle kinder, die sich begeistern haben lassen!

 

warum michael pollan mein feind sein müsste, es aber nicht sein kann


michael pollan ist endlich bei mir eingezogen. und benimmt sich ganz schön anmaßend. “ich stellte fest, dass die [ernährungs-]wissenschaft in wirklichkeit sehr viel weniger über ernährung weiß, [...]” und noch vieles böse mehr sagt er über mich und meine profession.* dabei ist der nur ein journalist, ich bin die ernährungswissenschaftlerin!
aber fühle ich mich jetzt in meiner professionalität gekränkt? kann ich gar nicht! michael pollan spricht mir aus dem herzen, aus der seele, sogar aus dem hirn und vor allem aus dem bauch. er hat einfach recht!

lest das!
food rules – an eater’s manual, zu deutsch: 64 grundregeln essen: essen sie nichts, was ihre großmutter nicht als essen erkannt hätte (btw: bitte dem link folgen, dann aber woanders bestellen, z.b. bei anna jeller!)
in defense of food – an eater’s manifesto, zu deutsch: lebensmittel – eine verteidigung gegen industrielle nahrung und den diätenwahn (btw: siehe oben!)

* aus dem vorwort der 64 grundregeln: “Aber trotz all des wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Ernährungsgepäcks, das wir uns [...] aufgeladen haben, wissen wir immer noch nicht, was wir essen sollen.” oder “Ich stellte fest, dass die Wissenschaft in Wirklichkeit sehr viel weniger über Ernährung weiß, als Sie möglicherweise erwarten – dass die Ernährungswissenschaft eigentlich eine, um es einmal freundlich zu sagen, sehr junge Wissenschaft ist.”