“die karotten schmeckt man gar nicht heraus!”

“die karotten schmeckt man gar nicht heraus!”


20. november 2013, kurz vor mittag. eine erste klasse in einem wiener gymnasium im neunten bezirk. zwei stunden stehen noch am stundenplan: biologie und englisch. heute allerdings nicht, heute stehe ich vorne und essen im mittelpunkt. die biologielehrerin spricht einleitende erklärende worte, da sind noch alle ruhig und still. “brav” würde meine oma sagen. doch damit ist’s eh gleich vorbei. ich darf übernehmen. stelle mich kurz vor. drei mittwochsdoppelstunden an drei aufeinanderfolgenden wochen werde ich mit den 28 aufgeweckten jungen damen und herren verbringen. ob wir auch was essen würden? “na selbstverständlich!” und was machen wir heute? “heute lege ich euch hinein!”
bevor’s losgeht, stellen ich noch klar, dass ich keine “frau ‘fessa” bin, theres heiße und sehr gerne auch so angesprochen werde. wird nicht durchgehend funktionieren. macht aber nix.
wir fangen an. mit einem als quiz getarnten fragebogen, um den wissens-ist-stand der kids zu erheben. (für mich sind ja menschen immer auch forschungsobjekte, und natürlich will ich meine arbeit evaluieren.) die sind ratz-fatz fertig. schlaue kerlchen! und kennen sich auch schon ganz schön gut aus. offenbar gibt’s da viel ernährungs- und auch nachhaltigkeitsbewusstsein bei den eltern.

dann kommt das reinlegen. natürlich habe ich wieder vorbereitend gepantscht. ich ziehe aus meinem einkaufstraktor grün gefärben orangensaft, das eh schon bekannte rosa gefärbte naturjogurt und das weiße erdbeeraromatisierte. und noch viele schöne dinge mehr. die kinder verkosten wechselweise mit offenen und geschlossenen augen, nase, nur mit angreifen, ganz ohne hände, auch mit den ohren. und auch sie tappen schön in die erdbeerjogurtfalle! es folgt eine rallye durch die fünf geschmacksrichtungen. der lärmpegel liegt mittlerweile hart an der grenze des erträglichen. soll sein, meine prioritäten liegen anderswo.
(dennoch muss ich mich, als ich nach dem workshop ins büro komme, für ein halbes stunderl hinlegen. die kids sind fordernd, und der lärm strengt an. wieder einmal empfinde ich großen respekt vor allen lehrerInnen, die viele tage pro woche viele stunden in der klasse stehen. und ich verstehe sie, dass sie die kinder laufend zur ruhe mahnen. für eineN zuschauerIn schaut das anfangs befremdlich nach drill aus, nach zwei stunden weiß man: anders hält man das nicht aus!)

eine woche später. ich rolle wieder mit meinem trolley an. zwei mädels sehen mich schon von weitem und kommen, wie aufgeregte henderl mit den flügeln flatternd, auf mich zu: “was machen wir heute???” und: “legen sie, ah, legst du uns heute wieder hinein?”
im gegenteil! heute besorgen wir uns rüstzeug, um genau nicht hineingelegt zu werden. wir machen qualitätstraining. schauen uns verpackungen an und einen werbefilm. lernen echte von trickser-gütesiegeln zu unterscheiden. und verkosten lebensmittel unterschiedlicher qualität. dabei läuft nicht alles drehbuchkonform. bei der weißen schokolade beispielsweise wird der zotter-variante zwar höchste qualität zugesprochen, im vergleich schmeckt den kids aber die aromatisierte nicht-bio- und nicht-fair-trage-junior-schokolade am besten. bei den vanillejogurts ist’s nicht ganz so eindeutig, die aromatisierten fallen auf jeden fall nicht ab gegen das echte. beim essig gewinnt aber der birnen-balsamico. und bei den ölen das scharfe olivenöl gegenüber dem faden bratöl. nur das (bio, österreichische und super-gesunde) leinöl fällt ganz durch. viel zu bitter! beim brot gibt’s keine eindeutigen vorlieben. die heimlichen stars heute, vermute ich, sind aber eh weniger die lebensmittel, sondern die einweg-pasteur-pipetten …

4. dezember. workshop teil drei. wir simulieren einkaufen, und wir kochen. oder eher: wir zubereiten. vanillejogurt echt und voll-künstlich (süßstoff und aroma und farbstoff). topfenaufstrich mit dem wähh-bitteren leinöl der vorwoche. und einen linsen-buchweizen-salat mit zwiebel, karotte, kräutern der provence und birnen-balsamico-olivenöl-dressing (auch von der vorwoche). der salat ist ein hasardieren, der kann voll ins auge gehen. linsen und buchweizen! wähhh! ist auch die häufigste erste reaktion. ich habe ihn aber ganz bewusst auf die workshopliste gesetzt, weil ich den kids damit auch erläutern will, dass genau das, nämlich getreide und hülsenfrüchte, tierfutter nummer eins und zwei sind. dass in einem kilo fleisch bis zu zehn kilo futtermittel stecken. und dass genau diese lebensmittelgruppen auch super-nahrhaft für den menschen sind – und vielleicht sogar gut schmecken. und wieder einmal geht die rechnung auf: selber rühren, mischen, würzen, kosten … und plötzlich schmeckt das zeug! “ich mag keine karotten und normalerweise schmeckt man die in einem salat immer total heraus. aber in diesem salat merkt man sie gar nicht. das muss an dem vielen öl liegen!” auch der topfen-leinöl-aufstrich schmeckt. beim vanillejogurt gewinnt leider wieder das künstliche (die zubereitungsgruppe des natürlichen hat meiner meinung nach zu wenig gezuckert). aber – freude! – fast jedes kind hat fast alles gekostet!
zum schluss kommt der quiz-fragebogen wieder zum einsatz. und, ja, die durchschnittlich erreichte punktezahl ist von 16,3 auf 20,8 (von maximal 26) gestiegen! sie haben also was dazugelernt. und es hat ihnen freude gemacht. ihre schlussevaluierung an mich und den workshop in smileyform (lachend, indifferent oder grantig) ist jedenfalls einstimmig lachend!

es war mir wieder einmal eine riesen-freude! ich bedanke mich ganz, ganz herzlich bei josef zotter, der diese workshop-reihe finanziert hat! und hoffe auf viele weitere gelegenheiten …

die who, was die alles sagt!

die who, was die alles sagt!


sehr interessant! jetzt kenne ich diese publikation seit zehn jahren. sie ist immer noch ein standardwerk der ernährungsprävention. ich habe sie von vorne nach hinten, und von hinten nach vorne gelesen. konnte ihre tabellen zeitweilig fast auswendig rezitieren. und jetzt erst finde ich auf den seiten 140/141 im kapitel strategic directions and recommendations for policy and research – prerequisites for effective strategies den punkt sustainable development und folgende passage, die ich so bemerkenswert finde, dass ich sie hier wiedergeben möchte. wohlgemerkt, herausgegeben hat den bericht die weltgesundheitsorganisation, und es geht darin um den zusammenhang zwischen ernährung und chronischen krankheiten!

“The rapid increase in the consumption of animal-based foods, many of which are produced by intensive methods is likely to have a number of profound consequences. On the health side, increased consumption of animal products has led to higher intakes of saturated fats, which in conjunction with tobacco use, threatens to undermine the health gains made by reducing infectious diseases, in particular in the countries undergoing rapid economic and nutrition transition. Intensive cattle production also threatens the world’s ability to feed its poorest people, who typically have very limited access to even basic foods. Environmental concerns abound too; intensive methods of animal rearing exert greater environmental pressures than traditional animal husbandry, largely because of the low efficiency in feed conversion and high water needs of cattle.

Intensive methods of livestock production may well provide much needed income opportunities, but this is often at the expense of the farmers’ capacity to produce their own food. In contrast, the production of more diverse foods, in particular fruits, vegetables and legumes, may have a dual benefit in not only improving access to healthy foods but also in providing an alternative source of income for the farmer. This is further promoted if farmers can market their products directly to consumers, and thereby receive a greater proportion of final price. This model of food production can yield potent health benefits to both producers and consumers, and simultaneously reduce environmental pressures on water and land resources.

Agricultural policies in several countries often respond primarily to short-term commercial farming concerns rather than be guided by health and environmental considerations. For example, farm subsidies for beef and dairy production had good justification in the past – they provided improved access to high quality proteins but today contribute to human consumption patterns that may aggravate the burden of nutrition related chronic disease. This apparent disregard for the health consequences and environmental sustainability of present agricultural production, limits the potential for change in agricultural policies and food production, and at some point may lead to a conflict between meeting population nutrient intake goals and sustaining the demand for beef associated with the existing patterns of consumption. For example, if we project the consumption of beef in industrialized countries to the population of developing countries, the supply of grains for human consumption may be limited, specially for low-income groups.

Changes in agricultural policies which give producers an opportunity to adapt to new demands, increase awareness and empower communites to better address health and environmental consequences of present consumption patterns will be needed in the future. Integrated strategies aimed at increasing the responsiveness of governments to health and environmental concerns of the community will also be required. The question of how the world’s food supply can be managed so as to sustain the demands made by population-size adjustments in diet is a topic for continued dialogue by multiple stake-holders that has major consequences for agricultural and environmental policies, as well as for world food trade.”

aus: WHO (Hrsg.). Joint WHO/FAO expert consultation: Diet, Nutrition and the Prevention of Chronic Diseases (Technical Report Series 916). Geneva, 2003 (Download)