muttergebundene kälberaufzucht, bitte!

muttergebundene kälberaufzucht, bitte!


[das beitragsbild stammt aus der weiter unten genannten fibl-broschüre.]

[und hinzufügen möchte ich diesen beitrag zum von katharina seiser wunderbarerweise ins leben gerufenen tierfreitag.]

die milch. sie beschäftigt mich wieder einmal. beim fleisch ist mit den schweinen und neuerdings hendln von labonca und dem rind von der boa-farm mein umfassendes qualitätsverständnis bestens erfüllt. auch mit den eiern von den zweinutzungsrassen-hendln geht’s mir gut. (in kürze kommt übrigens der junghahn dran, den ich pro jahr verzehren muss, um den durchschnittsösterreichischen eikonsum zweinutzungsrassengerecht auszugleichen.)

bleibt die milch als tierisches lebensmittel, bei dem ich bislang keine lösung gefunden hatte, die mir wirklich ein gutes gefühl bereitet. die silofreie milch in der pfandflasche, die wir über die foodcoop beziehen, und die heumilch von ja! natürlich, über die mir erfreuliche information zugetragen wurde (angeblich die beste milch, die es derzeit im supermarkt gibt), sind zwar schon recht super, haben aber immer noch das manko, nicht so tiergerecht zu sein, wie ich mir das vorstelle, seit ich weiß, wie’s “normalerweise” läuft. so tiergerecht nämlich, dass das säugetier rind, solange es saugen würde, auch saugen darf. und nicht als neugeborenes von der kuhmutter getrennt und mit milch (im bio-bereich) oder kunstmilch (konventionell) aus dem kunstzuz und bald auch mit kraftfutter ernährt wird.

dann hab’ ich beim fibl (forschungsinstitut für biologischen landbau), meinem neuen teilzeit-arbeitgeber, angefangen. und ganz am anfang einmal das publikationsarchiv durchstöbert, um mir einen überblick zu verschaffen, was die so alles machen. und was finde ich? eine praxisanleitung für die “muttergebundene kälberaufzucht in der milchviehhaltung”, ein kooperationsprodukt von demeter und fibl (gratis-download hier). “Immer mehr Milchviehhalterinnen möchten die Kälber länger bei ihren Müttern lassen und die Kühe trotzdem melken. Die Kuh und ihr Kalb sollen damit ihre natürliche Beziehung intensiver ausleben können.”

mir ist schon klar, dass das ein sehr hochgesteckter wunsch an die milchwirtschaft ist. abgehoben, antizipiere ich schon die kritik. ja, und? niemals gebe ich mich mit schlecht zufrieden, selten mit dem mittelmaß. orientieren müssen wir uns nach oben, strecken nach der decke. soll mich romantisch und weltfremd schimpfen, wer will! es ist großartig und ich bin dankbar, dass es menschen gibt, die so verrückt sind, auszuprobieren, was so gut wie alle anderen für unmöglich halten! das sind die pionierInnen. und mit denen hat alles angefangen. alles: das heliozentrische weltbild, die aufklärung, die bio-landwirtschaft.

und jetzt eben die milchwirtschaft. bleibt noch die herausforderung für uns konsumentInnen, die pionierInnen und ihre milch zu finden. sachdienliche hinweise bitte hier!

kochen ist total anachronistisch!

kochen ist total anachronistisch!


wie schuppen ist mir das gerade vorher von den augen gefallen, als ich vom büro heimgeradelt bin. richtung homeoffice. was die zunge notwendig machte. die rindszunge. aber chronikalisch:

wir befinden uns jetzt im fleischkonsum 2.0. heißt, wir nähern uns den nicht so alltäglichen teilen von tieren an. geröstete leber war schon, das große ziel ist bruckfleisch, davon sind wir aber noch einige innerein entfernt. derzeit liegt in unserem kühlschrank eine geräucherte rindszunge. die heute ihrer bestimmung, uns zum genusse zu gereichen, zugeführt wird. diverse rezepte sprechen von zwei stunden garzeit, sicherheitshalber rufe ich heute in der früh aber doch noch den fleischfred an. dessen botschaft ist klar: dreieinhalb stunden. und schmeißt alle pläne über den haufen.

um 19:30 uhr kommen die gäste. (dass sie dem ruf der rindszunge alle folgten, hat mich sehr überrascht. das ist aber eine andere geschichte …) die zunge muss also spätestens um 16 uhr simmern. das heißt, eineR von uns muss da schon zu hause sein. wir beratschlagen kurz, für wen homeoffice heute organisatorisch einfacher ist. die wahl fällt auf mich.

und am weg nach hause am radl fällt mir also auf, wie anachronistisch kochen ist. waschmaschinen haben längst einen timer für den startzeitpunkt, damit die wäsche perfekt getaktet fertig wird. heizungen lassen sich fernsteuern. fernsehsendungen zeichnet man auf oder schaut man nach, wenn man zum richtigen zeitpunkt nicht zu hause ist. und kochen? ganz bestimmt gibt es schon herde mit start-timer wie bei den waschmaschinen. abgesehen davon, dass wir nicht so einen haben, wer würde die zunge aus dem kühlschrank nehmen und sie ins heiße wasser legen? wer überprüfen, wann das wasser zu kochen beginnt – und damit start der garzeit ist? und wer würde kontrollieren, ob die suppe eh nur simmert und nicht kocht – und gegebenenfalls zurückdrehen?

nein, kochen geht nur mit persönlicher anwesenheit. und dauert seine zeit. manches mal viel zeit. wie viel, das entscheidet nicht der koch/die köchin, sondern das essen. die rindszunge zeigt mir die zunge. fremdbestimmt, unflexibel, ineffizient. dass es das heute überhaupt noch geben darf!

prosit neujahr! mit guten vorsätzen und einem wunsch

prosit neujahr! mit guten vorsätzen und einem wunsch


neujahr. hauptsaison der guten vorsätze. der kurier versorgt uns mit sechs ärztInnen und deren vorsätzen, von denen sie sagen, dass sie sich selbst daran halten.

essen und trinken spielt bei fünf von ihnen eine tragende rolle. da wird grüner tee getrunken als anti-aging-agens oder auch rotwein für den herz- und gefäßschutz. gegessen wird viel obst und gemüse, manch’ einer schwört auf exoten. fleisch wird eingeschränkt. aufs abendessen mitunter ganz verzichtet. und schlank wird geblieben und fit.
immerhin ein mal ist die rede von den wechselwirkungen von gefühlen und gesundheit, ein mal auch von der gemeinsamen einnahme von mahlzeiten in angenehmer atmosphäre, vom wohlfühlen beim essen und von der fantasie beim kochen.
aber niemand schaut noch weiter über den tellerrand. nicht in einem einzigen wort wird die herkunft der gesunden exotischen früchte erwähnt, die produktionsbedingungen des jung erhaltenden grüntees, die haltungsbedingungen der tiere, derer zwar wenig aber doch konsumiert wird.

gesundheit, schenkt man den befragten ärztInnen glauben, ist essbar. ist sie! doch ich wünsche mir, dass die diskussion übers essen nicht bei der gesundheit aufhört. medial hat sich da schon viel getan. ich wünsche mir, dass sich das über-den-tellerrand-hinausschauen 2014 auch in der wissenschaft etabliert!

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prost, opa! – ein essensbiographischer nachruf

prost, opa! – ein essensbiographischer nachruf


dieser blogeintrag ist in memoriam meines großvaters, der heute seinen 102. geburtstag feiern würde. er ist vorigen mai gestorben.

kurz danach war ich bei einem symposium zum thema selbst- und fremdbestimmung des essens (übrigens vom selben veranstalter wir das heurige symposium zum wert von lebensmitteln, siehe eintrag vom 6. juni). während ich lauschend und denkend im auditorium saß, ist mir aufgefallen, dass mein großvater und seine essbiografie fremd- und selbstbestimmung des essens sehr schön widerspiegeln.

essens- und kochmäßig hat mich ja die oma stark geprägt, die ihr ja mittlerweile vom foto schon recht gut kennt. die lebensfreude habe ich eindeutig vom opa gelernt! er war ein ganz wichtiger mensch für mich. meine eltern waren zu meiner vorkindergartenzeit beide berufstätig, die oma war zu hause, und der opa und ich waren auf achse. stundenlang. im selbstgebastelten ziehwagerl oder im geliebten zwoaradla saß ich, der opa schob oder zog. immer wieder landeten wir im wirtshaus. oder beim karteln bei herrn s. „nur mehr ein bummerl!“ ist seither mein inbegriff für ewigkeit! dazu gab’s bei herrn s. zähe soletti und einen stinkenden pudel. ok, das gehört nicht zu den highlights. dagegen schon: von der lokalen bäckerei (heute zu haubi’s großgeworden) die alten briochestriezel holen, um sie an die enten und puten am haubenberger-teich zu verfüttern. und auf der fahrt dorthin alle rosinen herauspicken und selber essen.

aber ich wollte ja eine essbiografie schreiben! der großvater wurde 1911 als ältester von vier buben in einem dorf im niederösterreichischen mostviertel geboren. kindheit, jugend und frühes erwachsenenalter waren geprägt vom mangel. viele seiner lausbubenstreiche, die er uns als kinder immer und immer wieder erzählen musste, handeln vom lebensmitteldiebstahl: kirschen hier, äpfel dort, wenn man erwischt wurde, gab’s schläge und scheitlknien. butter oder gar fleisch hingegen gab’s nur zu feiertagen. mit ungefähr 14 gaben ihn seine eltern als knecht zu einem bauern. jeder hungrige magen weniger zu hause war eine erleichterung. nur zum wochenende durfte er heim. bei diesem und allen folgenden bauern gab es einfaches essen: viele erdäpfel, viele bohnen, brot, viel gemüse, obst, wenn’s reif war. diese einfache, regionale, saisonale ernährung sollte der opa sein ganzes leben lang beibehalten. nur mit einem konnte man ihn bis zum schluss jagen: most. weil most standardgetränk bei den bauern war – das brunnenwasser war oft nicht sauber genug – und immer hantig, oft essig und häufig schimmlig. seine ernährung war also weitgehend fremdbestimmt, nicht so sein leben: wenn man mit ihm in sein heimatdorf fuhr, behauptete er bei jedem bauernhaus im umkreis von zehn kilometern, fensterln gewesen zu sein …

28 war der großvater, als der zweite weltkrieg begann. aus der zeit weiß ich verhältnismäßig wenig, seine erzählungen waren nie chronologisch, mitunter so spektakulär, dass wir uns fragen mussten, ob sie überhaupt wahr sein könnten, und immer überdeckt von der dicken haut, die er sich wachsen hatte lassen, um vor allem seelisch zu überleben. dass die kriegsjahre mangeljahre waren, dass die ernährung ganz besonders fremdbestimmt war, daran ist aber kein zweifel. die wärmsten worte fand der opa immer für jene bauern, die ihn auf der reise nach hause nach der gefangenschaft in ihre stuben baten und aufpäppelten. bis zu seinem tod erwähnte er immer und immer wieder, was da für feine menschen darunter gewesen wären.

nach dem krieg wurde geheiratet und eine familie gegründet. der großvater, stets arbeitsam und ein tausendsassa, wurde teil des wirtschaftsaufschwungs der nachkriegszeit: man konnte sich ein feines, angenehmes leben leisten. essen wurde – zumindest finanziell – selbstbestimmt. interessanterweise schlug sich das aber kaum in der ernährung nieder. möglicherweise ist es meine subjektive kindliche erinnerung, aber bis auf die obligatorische braunschweiger, die der opa oft zur abendjause aß, gab’s fleisch und wurst im haushalt meiner großeltern weiterhin relativ selten. die oma hatte ein hausgartl und kochte, was darin reif war: kochsalat mit erbsen, eingebrannten kohlrabi, dillsoße mit semmelknödel, … das waren als kind meine lieblingsspeisen! linsen, erbsen, bohnen gab’s auch oft (linsen mit semmelknödel war meine überhaupt-lieblingsspeise!).

interessant finde ich auch, wie der großvater gegessen hat. ich glaube, behaupten zu können, dass er niemals in seinem leben hinterfragt hat, warum er etwas aß. er aß alles, war nie heikel, hatte wohl seine lieblings- und nicht-so-lieblingsspeisen. aber gegessen wurde, was auf den tisch kam. und er konnte genießen, oh ja! mit größtem vergnügen verspeiste er zu festtagen ein bratl, und da die schwartln aller drei enkelkinder zusätzlich zu seinen eigenen, und hinten nach eine gallige cremetorte. mit unhinterfragter selbstverständlichkeit verweigerte er dann am abend das nachtmahl, aß nur ein paar “zweschpm” oder eine „bamarantsche“, weil “i hob do koan hunga noch dem mittagessn!”. er liebte den alkoholgenuss, ohne jemals gefahr gelaufen zu sein, zum alkoholiker zu werden. sein lieblingsgetränk war roter (sic!) spritzer. auch das eine form der selbstbestimmung, finde ich. wer trinkt schon roten spritzer? der großvater verstand es, zu feiern! jede gesellschaft konnte sich glücklich schätzen, ihn zu gast zu haben. er scherzte und tanzte und witzelte und unterhielt stets die ganze runde. entsprechend oft wurde er eingeladen. bis zu seinem zirka 90er war es keine seltenheit, dass er spätnachts mit einem ordentlichen „duliöh“ heimkam. er hätte doch nur „kindermüchgaugau“ getrunken, erklärte er uns einmal, als wir ihm beim ins-bett-gehen helfen mussten (die motorik war dann doch nicht mehr die eines 30-jährigen). und auch diese form der maßlosigkeit kompensierte er immer: tags darauf wurde gearbeitet oder – im höheren alter dann – geruht.

apropos 30-jähriger. der hausarzt bescheinigte ihm bis weit über 90 blutwerte eines jungspunds. tatsächlich war sein cholesterinspiegel sensationell, er hatte nie „zucker“, und übergewichtig wurde er erst in seinen letzten lebensjahren ein bisschen, als er nicht mehr radfahren und den ganzen tag auf achse sein oder in seiner werkstatt herumbasteln konnte. es war ihm gar nicht recht, dass er auf seine alten tage noch „wampert“ wurde! denn eitel, oh ja, das war er! legte großen wert auf schöne kleidung (ich bin mehrmals mit ihm anzug einkaufen gefahren. das durfte nur ich!), und sein gescheiteltes weißhaar musste zu besonderen anlässen mit haarspray fixiert werden. „pfugazen“ nannte er das sprühen, und eine dose haarspray musste stets auf seinem allibert bereitstehen, andernfalls er flugs jemanden einkaufen schickte.

gegen ende seines lebens war nahrungsverweigerung sein letztes mittel der selbstbestimmung. ich erinnere mich, wie ich – frisch zurück aus mosambik, den sterbenden großvater vor mir und selbst noch komplett neben mir – bei ihm im bett gesessen bin und ihm pfirsichkompott gefüttert habe. das hat er gegessen! sonst hat ihn über die letzen wochen seines lebens hauptsächlich eine spezialnahrung, eigentlich sondennahrung, gerettet. allerdings nicht über eine sonde, sondern in seinem riesen-lieblingshäfen, in dem er sich zuvor immer frühstückssemmel, -briochekipferl oder kuchenreste in den milchkaffee „eingebrockt“ und ausgelöffelt hatte. sondennahrung ist bilanzierte diät, das heißt sie ist nährstoffangereichert. so sehr, dass sie als einzige nahrung ausreichen könnte. es gibt sie unter anderem in der geschmacksrichtung kakao, leider nicht in milchkaffee. aber kakao war für den großvater auch ok. so ernährte er sich also wochenlang fast ausschließlich von briochestriezel, in sondennahrungskakao eingebrockt und ausgelöffelt. gelöffelt freilich längst nicht mehr von ihm selbst, sondern von der mutter, den damen von der caritas oder eben auch von mir. alles andere verweigerte er immer öfter. mit einer ausnahme: zwei monate vor seinem tod, er war da schon bettlägrig und es ging ihm gerade sehr schlecht, kam ich nach hause, auf das schlimmste gefasst. wir standen abends um sein bett und plauderten, plötzlich verlangte er nach tee. mit folgendem nachsatz: “owa an g’scheitn!” diesen wunsch erfüllte ich ihm gerne! was sollte schon sein? der rum hätte sich nicht mit den schmerzmitteln vertragen können. ja, und? wenn mein sterbender opa tee mit rum will, dann soll er tee mit rum kriegen! fand ich. fand die ganze familie. finde ich auch heute noch. und nix hat er ihm getan! im gegenteil! er hat zwei häferl quasi ex via strohhalm genommen und dann richtig gut geschlafen.

gestorben ist er am pfingstwochenende, als die ganze familie zu hause war. man kann davon halten, was man will,  ich glaube, dass auch der zeitpunkt seines todes ein bisschen selbstbestimmt war. dem opa war es immer die größte freude, alle um sich zu haben. gegen ende hin kam dazu die angst, allein zu sein. am samstag waren wir noch feiern, den geburtstag einer tante. angesichts seines lebenswandels hielten wir es nicht für pietätlos, zu feiern, während sich sein leben dem ende zuneigte. am abend verabschiedeten wir uns von ihm, vor dem schlafengehen flüsterte jede/-r von uns ihm seine/ihre abschiedsworte ins ohr. in der morgendämmerung, in der er so oft erst vom fortgehen nach hause gekommen war, schlief er dann zum letzten mal ein …

dass ich ihn dann noch rasierte, wir ihm seinen lieblingsanzug, krawatte und die tanzschuhe anzogen, und natürlich die haare mit spray pfugazten, das war unsere letzte verbeugung vor seiner selbstbestimmten eitelkeit.

danach verbeugten sich übrigens noch ganz viele leute mehr. die kunde von seinem tod verbreitete sich in windeseile. und frühmorgens standen schon die ersten kondolenzbesucher vor der tür. als sie den herausgeputzen leichnam des großvaters sahen, waren sie bewegt von dem, was er immer noch ausstrahlte: ruhe, kraft, würde, zufriedenheit, ja, sogar fröhlichkeit. es fällt mir schwer, es in worte zu fassen, aber es war ein schöner anblick. in rücksprache mit dem bestatter beschlossen wir, den großvater bis am abend zu hause zu behalten. in seinem wohnzimmer. auf dass, wer sich verabschieden kommen wollte, die gelegenheit dazu hätte. es kamen viele leute. und es war jedes mal dasselbe: tief bewegt gingen sie wieder. der tag, an dem der opa starb, war einer der bewegendsten meines lebens. es war sein tag, es ging um nichts als um ihn. ähnlich wie an seinem 100. geburtstag, aber ruhiger, trauriger, endgültig.

prost, opa! du fehlst mir!

großvater

freude besiegt furcht


westbahnhof, u6. viele leuten wollen gleichzeitig rein. eine ältere dame wird von einem stattlichen herrn schwarzafrikanischen ursprungs mit einer entsprechenden, galanten handbewegung vorgebeten. sie schaut auf, kurz huscht sowas wie furcht vor dem fremden über ihr gesicht, um dann von einer breiten freude abgelöst zu werden. “danke!” ja, danke, für diese kleinen freuden des alltags!

ein slow-food-tag, herrlich!


ohh, das war ein schöner tag gestern! zwölf stunden slow-food, wörtlich wie übertragen.

wir haben die, abwesenheits- und babybedingt länger ausgesetzte mädels-probieren-neue-essstätten-aus-runde wieder aufleben lassen. start war beim schrittesser am tormarkt. frühstücken. köstlich frühstücken (schinken, speck, käse, ei). und da sind wir gleich zum ersten mal pickengeblieben, trotz der lehnenlosen stockerl.

gastrokritik nebenbei: da ist denn herren andi und stefan ein herrliches frühstücks- und jausenplatzerl geglückt. das ambiente gemütlich, verlängertes wohnzimmer trifft’s ziemlich gut. das essen: schinken, specke und käse, bauernbutter (direktimport aus kärnten) und brot, nudeln (kärtner kas, spinat, mozzarella-paradeis, fleisch) und sacherwürstel, darüber hinaus noch ein paar frühstücksextras. und aus! herrlich reduziert, mehr braucht man eh nicht. zum trinken gibt’s u.a. hirter-bier, leolimonaden, herrlichen hausbrandt-kaffee. (wer eine kärtner schlagseite im angebot zu erkennen glaubt, hat recht.) der service ist langsam (positiv!!!) und achtsam.
kurz: qualität, authentizität, freude auch hier. (überhaupt komme immer öfter drauf, dass ich meine drei höchsten lebenswerte auch die besten kriterien für gutes essen und trinken sind.)

nach vier stunden brunch dann zu den nackten männern ins leopold museum. jetzt leider schon ohne der mama, die die dritte im bunde seit einem zeitl ist. wir zwei restlichen haben uns amüsiert. kann man sich auf jeden fall anschauen, das!

dann kam der hunger wieder. und was wäre näher gelegen, als die herrliche neuentdeckte frühstücks- und jausendestination, deren frühstücksqualität uns schon bekannt war, auch auf ihre jausenqualität zu prüfen? also wieder zurück ins schrittesser. kärtner nudeln dieses mal. das “pling!”, das aus der küche kam, interpretierten wir zunächst entsetzt als mikrowellen-endgeräusch, um kurz darauf aber beruhigt festzustellen, dass es sich um ein dampfgarer-pling gehandelt haben musste. so überhaupt ein kausalzusammenhang mit unseren dampfnudeln bestand. die nudeln waren übrigens allesamt köstlich. klar, ich habe alle vier sorten probiert!

und während wir da so saßen, aßen, tranken und wohltuende lebensgespräche führten, beschlossen wir, den tag mit kino ausklingen zu lassen. paradies: liebe ergab sich, und gut war’s. (filmkritik schreibe ich keine, das würde viele zeilen verschlingen.)

danke, l. und m., für einen wunderschönen, langsamen, eindrucksvollen, wohltuenden tag!

ein unverhofftes, dankbares jahresresümee


vorigen freitag rannte mir ein guter bekannter zufällig über den radweg, wir beschlossen einen spontanen kaffeeplausch. der liebe hat eine ähnliche und ähnlich aufregende auslandserfahrung wie ich hinter sich. als er zurückkam, stolperte er fast übergangslos in einen anstrengenden vollzeitjob. jetzt, ein knappes jahr später, sitzt er da und sagt: “ich bin müde! weißt du, nicht nur körperlich. ich bin geistig müde. das macht mich traurig.”

mich macht es auch traurig, mit ihm. und gleichzeitig froh, für mich. froh, dass ich es aller existenzängste und gefühlten arbeitszwänge zum trotz umgesetzt habe, was ich mir die letzten monate in mosambik vorgenommen hatte: mir zeit zu geben, (wieder) rund zu werden – mindestens ein halbes jahr, womöglich ein ganzes. das gehen des großvaters zu begleiten und alle damit verbundenen gefühle wahrzunehmen und zuzulassen. die freude über das wieder vorhandene angebot an kunst und kultur zu zelebrieren. good old europe, das jetzt in einem ganz anderen glanz erstrahlt, zu bereisen und zu genießen. mich wieder in die (gesellschafts-) politik einzuklinken. reflexionen und emotionen, gute wie unangenehme, zu durchleben. lebenskonzepte zu revidieren und zu adaptieren. mich beruflich zu verlieren und wiederzufinden. die müdigkeit abzustreifen und neue energien zu erschließen.

damit wurde dieses gespräch anlass für mein persönliches jahresresümee. es war ein turbulentes jahr, vor allem in mir drin. es war ein intensives jahr. es war ein gutes jahr. und ich bin – angesichts dessen, was ich an einem anderen ende der welt mitgekriegt hatte – dankbar und demütig, dass ich die möglichkeit hatte, mein jahr 2012 so zu verbringen, wie ich es eben getan habe.