die who, was die alles sagt!

die who, was die alles sagt!


sehr interessant! jetzt kenne ich diese publikation seit zehn jahren. sie ist immer noch ein standardwerk der ernährungsprävention. ich habe sie von vorne nach hinten, und von hinten nach vorne gelesen. konnte ihre tabellen zeitweilig fast auswendig rezitieren. und jetzt erst finde ich auf den seiten 140/141 im kapitel strategic directions and recommendations for policy and research – prerequisites for effective strategies den punkt sustainable development und folgende passage, die ich so bemerkenswert finde, dass ich sie hier wiedergeben möchte. wohlgemerkt, herausgegeben hat den bericht die weltgesundheitsorganisation, und es geht darin um den zusammenhang zwischen ernährung und chronischen krankheiten!

“The rapid increase in the consumption of animal-based foods, many of which are produced by intensive methods is likely to have a number of profound consequences. On the health side, increased consumption of animal products has led to higher intakes of saturated fats, which in conjunction with tobacco use, threatens to undermine the health gains made by reducing infectious diseases, in particular in the countries undergoing rapid economic and nutrition transition. Intensive cattle production also threatens the world’s ability to feed its poorest people, who typically have very limited access to even basic foods. Environmental concerns abound too; intensive methods of animal rearing exert greater environmental pressures than traditional animal husbandry, largely because of the low efficiency in feed conversion and high water needs of cattle.

Intensive methods of livestock production may well provide much needed income opportunities, but this is often at the expense of the farmers’ capacity to produce their own food. In contrast, the production of more diverse foods, in particular fruits, vegetables and legumes, may have a dual benefit in not only improving access to healthy foods but also in providing an alternative source of income for the farmer. This is further promoted if farmers can market their products directly to consumers, and thereby receive a greater proportion of final price. This model of food production can yield potent health benefits to both producers and consumers, and simultaneously reduce environmental pressures on water and land resources.

Agricultural policies in several countries often respond primarily to short-term commercial farming concerns rather than be guided by health and environmental considerations. For example, farm subsidies for beef and dairy production had good justification in the past – they provided improved access to high quality proteins but today contribute to human consumption patterns that may aggravate the burden of nutrition related chronic disease. This apparent disregard for the health consequences and environmental sustainability of present agricultural production, limits the potential for change in agricultural policies and food production, and at some point may lead to a conflict between meeting population nutrient intake goals and sustaining the demand for beef associated with the existing patterns of consumption. For example, if we project the consumption of beef in industrialized countries to the population of developing countries, the supply of grains for human consumption may be limited, specially for low-income groups.

Changes in agricultural policies which give producers an opportunity to adapt to new demands, increase awareness and empower communites to better address health and environmental consequences of present consumption patterns will be needed in the future. Integrated strategies aimed at increasing the responsiveness of governments to health and environmental concerns of the community will also be required. The question of how the world’s food supply can be managed so as to sustain the demands made by population-size adjustments in diet is a topic for continued dialogue by multiple stake-holders that has major consequences for agricultural and environmental policies, as well as for world food trade.”

aus: WHO (Hrsg.). Joint WHO/FAO expert consultation: Diet, Nutrition and the Prevention of Chronic Diseases (Technical Report Series 916). Geneva, 2003 (Download)

das hat die milch nicht verdient!

das hat die milch nicht verdient!


die milch verfolgt mich! ja, ich beschäftige mich derzeit viel damit, aber sie läuft mir auch nach. zum beispiel via facebook-postings, die teils fragend, teils provozierend an mich herangetragen werden. wie dieser beitrag in den deutschen wirtschafts nachrichten vom 28.10.2013 mit dem titel “harvard: milch von der kuh ist nicht gesund“.
ich habe mir gestern die zeit genommen, den artikel und vor allem auch die darin zitierte “studie der harvard university” ganz genau anzuschauen. es interessiert mich ja auch beruflich, und es ist nie ausgeschlossen, dass es wissenschaftliche neuigkeiten gibt, die mir entgangen sind.

der artikel ist, wie es mein geübtes auge schon beim ersten überfliegen vermutet hatte, vor allem eines: schlecht gemacht und dumm! ob absichtlich oder aus mangeldem journalistischen können kann ich nicht beurteilen, tatsache ist, dass vollkommen willkürlich und einseitig (aus sensationsgeilheit?) die kontra-argumente herausgepickt wurden.
die “studie der harvard university” ist auch gar keine studie, sondern eine übersicht über den derzeitigen informationsstand zum thema osteoporose – und noch dazu eine gute, weil ausgewogene, differenzierte. sie spart nicht mit kritik am milchkonsum bzw. den gängigen empfehlungen dafür (soweit berechtigt, weil wissenschaftlich untermauert) lässt aber auch die wissenschaftlich untermauerten pro-argumente nicht unter den tisch fallen. der am häufigsten gebrauchte satz – und zwar in der pro- wie in der kontra-argumentation – ist: “more research is needed”.

den pro-gegen-kontra-milch-kampf legen die autorInnen übrigens gleich zu beginn bei: “Which view is right? The final answers aren’t in.” das – und nur das! – ist der wissenschaftlich korrekte blick auf die empfehlungen zum milchkonsum! es ist nicht nur dumm, sondern auch eine frechheit und bisweilen sogar gefährlich, wenn die medien ihrem auftrag, ordentlich zu recherchieren, differenziert zu berichten und objektiv zu informieren, nicht gerecht werden!!!

ein zucker, zwei zucker, drei zucker …

ein zucker, zwei zucker, drei zucker …


“ich geh’ jetzt die theres fragen!” c. stapft quer durch den bus. wir sind zu zwanzigst, wir sind unsere bürogemeinschaft, und wir sind auf “betriebsausflug”.

“warum wird naturjogurt zucker zugesetzt?”
“naturjogurt wird kein zucker zugesetzt. das höre ich zum ersten mal.”
“das habe ich auch gesagt! aber die da vorne behaupten das.”
“wenn dem so wäre, müsste es auf der verpackung stehen.”
“das habe ich auch gesagt! und die da vorne behaupten, es steht auch drauf.”
“wie gesagt, ich höre das zum ersten mal und ich kann’s mir nicht vorstellen, aber ich werde mir das anschauen.”

wir steigen aus. ich gehe zu p., einem von “denen da vorne” und bitte ihn, mir zu erläutern, wo denn das stünde, dass dem naturjogurt zucker zugesetzt sei. er hält mir das display seines smartphones hin. darauf zu lesen ist das, was auch auf obigem foto zu sehen ist. mir wird einiges klar. und ich fange an zu dozieren. mittlerweile stehen wir am u-bahn-bahnsteig. ein entfernter beobachter, der mich sehr gut kennt, wird nachher zu mir sagen: “gell, ihr habt über was ernährungswissenschaftliches geredet.” warum er das wisse? “weil du plötzlich von allen umringt warst.”

der “zucker”, der auf der verpackung – genauer: in den nährwertangaben – aufscheint, kläre ich auf, ist milchzucker, kein haushaltszucker, vulgo “zucker”. denn milchzucker ist zweifachzucker, wie auch haushaltszucker, und alle zweifach- und einfachzucker (traubenzucker, fruchtzucker und andere) sind in den nährwertangaben als das zusammengefasst, was sie chemisch sind: zucker (= plural). der milchzucker ist aber nicht zugesetzt, sondern natürlicherweise in milch und milchprodukten drin. also ist dem naturjogurt kein zucker zugesetzt! meine welt ist wieder in ordnung.

nicht so jene meiner mitdiskutantInnen. wie sollte man denn jetzt bitte erkennen, dass zucker zugesetzt wäre, wenn tatsächlich welcher zugesetzt wäre. “dann stünde ‘zucker’ in irgendeiner form in der zutatenliste.” schon während ich das sage, weiß ich, was jetzt kommen wird. “aha, ‘zucker’ in der nährwerttabelle heißt haushaltszucker, milchzucker, traubenzucker etc., aber ‘zucker’ in der zutatenliste heißt zucker. und wie soll sich da wer auskennen?!” berechtigter einwand. zumal ich hier mit menschen diskutiere, die sich sehr für die thematik interessieren und beträchtliches vorwissen haben. “halbwissen” fällt im lauf der weiteren diskussion, “wir mit unserem halbwissen können die informationen oft nicht richtig einordnen.” wir sind mittlerweile bei honig versus “raffiniertem” zucker. ich muss an michael pollan denken, den us-amerikanischen journalisten und autor, der unter anderem 64 grundregeln essen und lebensmittel geschrieben hat und die ernährungswissenschaft massiv kritisiert als eine wissenschaft, die sich zum (selbst-) zweck erfunden hat, die an und für sich watscheneinfache angelegenheit essen zu akademisieren und so konsumentInnen und produzentInnen von ihrer expertise abhängig zu machen. ich habe mich ja schon einmal dazu bekannt, ihm grundsätzlich recht zu geben. jetzt kommt da aber eine weitere facette dazu: die dinge sind, wie sie sind, und nicht, wie michael pollan und ich sie gerne hätten. ernährungsinteressierte esserInnen haben nun einmal bereits (halb-) wissen angehäuft und stehen jetzt vor der schwierigkeit, es richtig einzuordnen. die kann ich nicht (mehr) abspeisen mit “denkt doch nicht darüber nach, sondern esst einfach aus dem bauch heraus, ohne drüber nachzudenken, dann habt ihr gute chancen, dass es gesund ist!”

da habe ich also an einem herrlichen herbsttag in rein privater mission berufliche bestätigung bekommen. meine expertise ist ganz und gar nicht obsolet, obwohl eine gute ernährung an und für sich eine ganz einfache angelegenheit ist, für die es keine expertInnen bräuchte. “deshalb ist es so wichtig, dass wir dich haben!” schloss c. die diskussion. und ich freute mich.

[bildnachweis: teil-screenshot der ja!-natürlich-website.]

hungrige milchkühe machen größere bissen.

hungrige milchkühe machen größere bissen.


landwirtschaft ist ein thema, das mich seit geraumer zeit schon und immer mehr beschäftigt. am dienstag habe ich bei einer herrlichen kulinarik-bio-landwirtschaft-crossover-veranstaltung wieder einiges über den boden dazugelernt. und das nicht von irgendwem, sondern von prof. winfried blum, einer internationalen boden-koryphäe. ich weiß jetzt zum beispiel neu, dass es dem bio-boden respektive den mikroorganismen in der humusschicht, die dafür verantwortlich sind, der pflanze die nährstoffe aufzuschließen, genau so geht wie mir: denen ist es in österreich mindestens ein halbes jahr lang zu kalt!

zur landwirtschaft gehört auch die tierische produktion, wie man so unschön sagt. und die ist mir eine der großen baustellen, weil ich, wie ihr jetzt eh schon alle wisst, sehr gerne fleisch esse, einen hohen milchkonsum habe und schlagobers in meinem leben nicht missen will. relativ gut informiert fühle ich mich in sachen fleisch. und da bin ich auch schon sehr glücklich, weil ich in den letzten eineinhalb jahren produzentInnen gefunden habe, von deren superheit ich mich mit hirn und herz überzeugt habe. milch ist noch ein ziemlich blinder fleck. den gehe ich jetzt also an.

am 26. september war die 20. tagung des freiland-verbands. den gibt’s seit 1987, und der war maßgeblich an der etablierung von tierhaltungsstandards im bio-bereich in österreich beteiligt. die tagung stand unter dem motto “die freiheit nutztiere gut zu halten“. leider war ich aus toskanischen weingründen nicht bei der veranstaltung, aber gestern habe ich den tagungsband durchgeackert. und ich sage euch, liebe mit-konsumentinnen und -konsumenten, wir haben so was von keiner vorstellung, was in der landwirtschaftlichen produktion alles passiert!

ganz besonders fasziniert hat mich prof. knaus’ (boku, department für nachhaltige agrarsysteme) beitrag mit dem titel “ist weidefütterung besser als stallfütterung?“. ich dachte bei der überschrift, dass das ja wohl eine sehr einfache frage wäre. natürlich ist weide besser als stall! weil auf der weide haben’s die kühe schöner, und weide ist besser für die klauen und fürs immunsystem und fürs tiergerechte verhalten und und und. auf der weide können kühe ihre genialität im hinblick auf unsere mensch-kuh-”symbiose” voll ausschöpfen: sie können gras verwerten, das für uns unverdaulich ist, und daraus für uns hochwertige lebensmittel machen (milch) oder sein (fleisch)! und nachhaltiger ist weidehaltung sowieso! so weit, so klar. dachte ich. dann las ich den ganzen text.

36 prozent der festlandoberfläche der erde sind landwirtschaftlich nutzbar, zwei drittel davon als weide-, ein drittel als ackerland. kühe wären aus den genannten gründen besonders super für die weidehaltung. bei milchkühen gibt es weltweit aus verschiedensten gründen allerdings die tendenz, sie das ganze jahr über im stall zu halten und ihnen (auch) kraftfutter zu geben. so viel, dass es dem kühlichen organismus mitunter zu viel wird; “bis an die grenzen des für den verdauungstrakt und die stoffwechselprozesse tragbaren”, schreibt prof. knaus. warum man das tut? weil sie mit kraftfutter mehr milch geben. der grund, warum weidende kühe die milchleistung der kraftfutter-kühe nicht schaffen, ist, dass sie es schlicht nicht derfressen. gras hat weniger kalorien als kraftfutter, zudem bewegen sich die kühe auf der weide natürlich mehr. (die schweizer gewinnerin des kuhmaratons, initiiert von bio suisse, brauchte zehn tage für die marathondistanz, d. h. sie geht pro tag im schnitt gut vier kilometer.) gut, sagte mein hirn beim lesen, dann fressen sie halt weniger kalorien und geben sie weniger milch! dann konsumieren wir einfach weniger, damit die kühe auf der weide stehen und glücklich sein können! aber so einfach ist das wieder auch nicht, lernte ich beim weiterlesen. denn die kühe, die als milchkühe im einsatz sind, sind hochleistungskühe. und hochleistungskühe sind gezüchtet, viel milch zu geben. stehen die jetzt auschließlich auf der weide, ohne kraftfutter, dann sind sie permanent hungrig. und dass hungrig-sein mit glücklich-sein nicht vereinbar ist, weiß ich aus eigener erfahrung. dennoch ist aus gesundheitlicher sicht die weidehaltung besser: “eine aufgrund von weidefütterung niedrigere milchleistung deutet nicht automatisch auf ein eingeschränktes wohlbefinden hin”. weidehaltung heißt übrigens nicht automatisch, dass sie nur auf der weide stehen, es gibt ja auch weide-stallhaltungsmischformen. lässt man kühe übrigens frei entscheiden, bevorzugen sie in der nacht die weide, und tagsüber den stall, insbesondere dann, wenn’s heiß ist. das taten sie zumindest in zwei studien im jahr 2009.

apropos studien. das hat mich auch sehr fasziniert: was in der landwirtschaftlichen forschung alles untersucht wird! da stellt man us-amerikanische holstein-kühe, die es gewohnt sind, im stall kraftfutter zu fressen, auf die weide, und neuseeländische holstein-kühe, die normalerweise weiden, in den kraftfutter-stall und vergleicht ihre milchleistung. da schaut man sich an, wie man eine weide managen muss, damit die kühe möglichst viel fressen (weil: je großer die fraß-, desto größer die milchleistung). und um herauszufinden, wie viel sie fressen, erhebt man die grasedauer (minuten/tag), die bissrate (anzahl der bissen/minute) und die bissgröße (gramm trockenmasse/bissen) (sic!). der entscheidende faktor ist, wer’s noch nicht gewusst hat, übrigens die bissgröße.

ich bin also fasziniert und wieder einmal überfordert. es liegt mir fern, zu bewerten, ich kann’s auch gar nicht, weil ich nicht ausreichendes landwirtschaftliches wissen dazu habe. die einzige wertung, die ich vornehme, ist, zu sagen, dass ich haltungsformen schlecht finde, die schlecht fürs tier sind. was aber gut oder schlecht für die milchkühe ist, dazu habe ich erst wieder keine abschließende meinung. aber es war einmal mehr sehr interessant, zu sehen, dass die welt weder schwarz noch weiß ist, auch nicht die der kühe. was das jetzt für mich und meinen milchkonsum bedeutet, weiß ich noch nicht.

[bitte um entschuldigung für die unpassende bildwahl. ich habe noch kein foto von glücklichen weidemilchkühen, deshalb müssen die glücklichen freilandhendln einspringen.]

quellenangaben:
geßl r. (hrsg.) 20. freiland-tagung. die freiheit nutztiere gut zu halten. eigenverlag, wien, 2013.
knaus w. ist weidefütterung besser als stallfütterung? im genannten tagungsband, s. 27–40.

“wann wird es wieder so schön, wie es früher nie war?”

“wann wird es wieder so schön, wie es früher nie war?”


meiner lieben freundin marlies, wissenschaftliche leiterin des forum. ernährung heute und weggefährtin seit unserem dritten semester ernährungswissenschaften, ist es zu verdanken, dass eben diese institution immer wieder über den tellerrand der “klassischen” ernährungswissenschaft hinausblickt. (für ihr magazin war ich bei den labonca-freilandschweinderln und kürzlich bei den galloway-rindern auf der boa-farm.)
das jährlich stattfindende symposium trug heuer den titel “markt. wert. wahrnehmung. was ist essen wert?” es fand gestern (5.6.2013) statt. und es war eine der besten, wenn nicht überhaupt die beste fachtagung, auf der ich jemals war.
der bogen spannte sich von der ökonomischen defintion, was “wert” ist, über preispolitik von lebensmitteln, den wert der biologischen sortenvielfalt, der geringschätzung von lebensmitteln, abgelesen an den mengen, die davon im müll landen – oder im günstigeren fall der gemeinnützigkeit zugeführt werden (z.b. der wiener tafel). dann ging’s noch um historische und sozio-kulturelle aspekte des wertes und der wertschätzung von lebensmitteln und um die werbung und ihre beeinflussung unseres werteempfindens von lebensmitteln.

ich habe gelernt (chronologisch), …
… wie der höhere preis für bessere qualität erklärbar ist und dass er nicht nur daher rührt, dass unternehmen und/oder handel das qualitätsbewusstsein einer gewissen kundenschicht mit höheren gewinnspannen ausnutzen.
… dass in zeiten der donaumonarchie der binnenmarkt 51 millionen menschen groß war und die struktur der österreichischen lebensmittelverarbeitenden betriebe auf diese zeit zurückzuführen ist.
… dass nach den beiden weltkriegen der markt plötzlich extrem geschrumpft ist und mit dem eu-beitritt 45 prozent der österreichischen lebensmittelverarbeiter eingegangen sind.
… dass österreichische lebensmittelverarbeiter im eu-vergleich zwerge sind, in der regel familienunternehmen und ganz schön ums überleben kämpfen.
… dass es mais, also kukurutz, als kulturpflanze nur gibt, weil im richtigen moment menschen zur stelle waren. kukurutz war eine spontanmutation, und hätten nicht menschen ihn kultiviert, hätte er sich niemals verbreitet.
… dass die am häufigsten weggeschmissenen lebensmittel gewürze sind, die für ein bestimmtes gericht/gebäck gekauft und dann nie wieder gebraucht werden.
… dass man vorträge halten kann, bei denen sich die zuhörer eine stunde lang keine sekunde langweilen, sich laufend vor lachen schütteln und mehr mitnehmen als aus fünf anderen vorträgen zusammen.
… dass mc donalds 1991 diesen werbespot geschaltet hat, der damals eine totale überstreckung war. heute ist dieses idyllisieren normalzustand.
… dass es in der lebensmittelbranche leute (zumindest einen menschen = der welt-vortragende) gibt, die der meinung sind, die branche hätte ein kommunikationsproblem und man solle den konsumentInnen endlich die wahrheit sagen!
… dass er das damit begründen, dass “pressure groups” wie foodwatch, peta etc. “nur” den ist-zustand zeigen müssen, um die konsumentInnen “skandal!!!” schreien zu lassen.
… dass den konsumentInnen vor lauter idyllisierungen die realität fast nicht mehr vermittelbar ist.
… dass ein auto – dem in der lebensmittelwerbung verbreiteten “früher-war-alles-besser!”-paradigma folgend – wie folgt beworben werden müsste: “jetzt wieder mit seilzugbremsen!”
… dass man mülltauchend, also das essend, was vor allem supermärkte wegschmeißen, ohne festen wohnsitz und überhaupt konsum weitestgehend vermeidend (100 euro pro monat) so leben kann, dass man es selbst als luxus bezeichnet, möglichst wenig am herrschenden produktions- und verteilungssystem teilzuhaben.
… dass geschmack beim essen schwerer wandelbar ist als kunstgeschmack.
… dass dieser geschmackskonservismus umso stärker ist, je statusträchtiger ein lebensmittel ist. und dass das der grund ist, warum die leute fast nicht dazu zu bewegen sind, weniger fleisch zu essen.

(das zitat aus der überschrift stammt übrigens aus dem vortrag von ulrich nöhle von der tu braunschweig, dem sensationellen vortragenden, der uns unmittelbar nach dem mittagessen eine ganze stunde lang nicht in den verdauungschlaf fallen ließ.)

danke für einen herrlich spannenden tag, an dessen ende mir das hirn geraucht und das herz gebrannt hat!

haben wir alles falsch gemacht?

haben wir alles falsch gemacht?


kürzlich bat mich ein freund, gut-, nachhaltig-, gerne- und low-carb-esser, um meine meinung zu obiger publikation (volltext). das ist sie:

lieber …,
das paper, das du mir geschickt hast, hat für mich (und wohl auch für dich) kaum neuigkeitswert: man kann der wissenschaft oft auch nicht trauen, weil sie selektiv (und interessengeleitet) forscht und argumentiert, fett ist besser als die ernährungswissenschaft das lange dargestellt hat, lebensmittel auf einen nährstoff herunterzubrechen wird niemals dem mehr-als-die-summe-der-teile-prinzip gerecht und es gibt keine guten und schlechten lebensmittel, man kann aber jedes in gutem oder schlechtem licht betrachten.
die autorInnen kommen klar aus der pro-fett-und-fleisch-fraktion. leider haben sie sich für mich ins out geschossen, als sie begonnen haben, pflanzen(-öl)-bashing zu betreiben. und auch der hinweis, makrele hätte die doppelte menge an kalorien und gesättigtem fett wie schwein, ist mir zu plump.
fazit: ich gebe ihnen inhaltlich über weite strecken recht, es wäre aber fein gewesen, die argumentation nicht so plump pro-fleisch zu fahren. abgesehen davon fehlen aspekte wie produktionsbedingungen vollkommen. und jener, dass high meat sich weltweit einfach nicht ausgeht und wir lieber vom recht auf fleisch weg- denn darauf zusteuern sollten.
liebe grüße,
theres

warum michael pollan mein feind sein müsste, es aber nicht sein kann


michael pollan ist endlich bei mir eingezogen. und benimmt sich ganz schön anmaßend. “ich stellte fest, dass die [ernährungs-]wissenschaft in wirklichkeit sehr viel weniger über ernährung weiß, [...]” und noch vieles böse mehr sagt er über mich und meine profession.* dabei ist der nur ein journalist, ich bin die ernährungswissenschaftlerin!
aber fühle ich mich jetzt in meiner professionalität gekränkt? kann ich gar nicht! michael pollan spricht mir aus dem herzen, aus der seele, sogar aus dem hirn und vor allem aus dem bauch. er hat einfach recht!

lest das!
food rules – an eater’s manual, zu deutsch: 64 grundregeln essen: essen sie nichts, was ihre großmutter nicht als essen erkannt hätte (btw: bitte dem link folgen, dann aber woanders bestellen, z.b. bei anna jeller!)
in defense of food – an eater’s manifesto, zu deutsch: lebensmittel – eine verteidigung gegen industrielle nahrung und den diätenwahn (btw: siehe oben!)

* aus dem vorwort der 64 grundregeln: “Aber trotz all des wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Ernährungsgepäcks, das wir uns [...] aufgeladen haben, wissen wir immer noch nicht, was wir essen sollen.” oder “Ich stellte fest, dass die Wissenschaft in Wirklichkeit sehr viel weniger über Ernährung weiß, als Sie möglicherweise erwarten – dass die Ernährungswissenschaft eigentlich eine, um es einmal freundlich zu sagen, sehr junge Wissenschaft ist.”

biophotonen und lebensmittelunverträglichkeiten


seit langem laboriere ich an lebensmittelunverträglichkeiten. zum glück nur gedanklich. jetzt gerade habe ich mir das aktuelle profil gekauft. “gesundes, das krank macht. bis zu 40 prozent der österreicher vertragen früchte, milchprodukte und getreide nicht mehr. stimmt das? und wenn ja, warum?” ist sogar titelgeschichte. (die geschichte an sich ist für mich enttäuschend, nix neues ist darin zu lesen, und vor allem das große thema “unerklärbare unverträglichkeiten” wird nicht einmal angerissen.)

als “unerklärbare unverträglichkeiten” bezeichne ich jene unverträglichkeitsreaktionen, die keine sind, wo wir die ursache kennen (laktose-, fruktose-, histaminintoleranz, zöliakie), und natürlich auch keine echten allergien oder kreuzreaktionen. kaum jemand innerhalb der schulmedizin/-ernährungswissenschaft beschäftigt sich damit, und ich gebe zu, das galt bis vor kurzem auch für mich.

dann wurde ich von den ereignissen überrollt und konnte nicht mehr anders, als mich der thematik zuzuwenden: zuerst kam, vor ein paar wochen, mein bruder daher. er wollte sich austesten lassen, ohne mich vorher um meine meinung zur seriosität der methode zu befragen. “schwindlig!” hätte ich damals wie aus der pistole geschossen gesagt. vermutlich hat er deshalb nicht gefragt. mir wohnt ja eine gehörige portion skepsis – hart an der grenze zum skeptizismus – inne. nix glaube ich, was ich nicht verstehe und/oder mit methoden überprüfbar ist, die ich verstehe. dazu bin ich noch infiziert von meinem herzallerliebsten, einem ehemaligen esoteriker und jetzt nichtraucher-esoteriker, geisteshaltungsmäßig. 

nun bin ich aber auch nicht dogmatisch und neugierig sowieso. deshalb war meine erste reaktion nicht “schwindlig!”, als mir ein sympathischer, verständiger, nach meiner einschätzung seriöser bio-auskenner anfang oktober von seiner forschungsleidenschaft erzählte: alternative messmethoden der qualität von lebensmitteln. klar bin ich skeptisch, das habe ich ihm auch gleich ins gesicht gesagt. aber anschauen will ich mir seine forschungen schon. an einem wochenende gegen ende oktober lag ich seite 50 des 13/12er-falters (es geht um persisches wüstensalz) lesend auf der couch. (warum ich dabei rotierte, könnt ihr hier nachlesen.) und stolperte dabei über die biophotonenmessung eines gewissen herrn fritz-albert popp. später an diesem wochenende treffe ich freundInnen, die mich fragen, was ich von der bioenergetischen blutdiagnose halte, mit deren hilfe ein arzt gerade dabei ist, ihre  lebensmittelunverträglichkeiten auszutesten. innerlich rotiere ich wieder, äußerlich sage ich wahrheitsgemäß: ich kann’s nicht beurteilen, weil ich mich damit noch nicht beschäftigt habe.

aber jetzt will ich’s wissen!

ich klemme mich also hinter den computer. als erstes versuche ich, herauszufinden, ob es stellungnahmen zur alternativmedizinischen diagnostik von nahrungsmittelunverträglichkeiten von deutschen und österreichischen allergologenverbänden gibt. fehlanzeige! das aktuellste, auf das ich stoße, ist eine gemeinsame stellungnahme aus 2009, dass die messung von igg-antikörpern nicht empfohlen wird. (zur erklärung: bei einer echten allergie, die immer von eiweißkörpern verursacht wird, treten antikörper der klasse ige auf den plan. diese können leicht gemessen werden, deshalb kann eine echte allergie auch leicht diagnostiziert werden. igg-antikörper kommen dagegen bei “normalen” erkrankungen zum einsatz. es gab und gibt noch immer tests, die über die messung der igg-antikörper auch unverträglichkeiten diagnostizieren wollen. das halten die allergologen für unwissenchaftlich und unseriös.) damit beschäftige ich mich jetzt aber nicht weiter, denn ich will ja herausfinden, was es mit der bioenergetischen blutdiagnose auf sich hat. dazu gibt es keinerlei offizielle stellungnahme. schaut man sich die arbeiten der verbände, auch des europäischen, an, könnte man überhaupt meinen, es gäbe außer echten allergien eh keine schwierigkeiten mit unverträglichen lebensmitteln.

und da verstehe ich die konsumentInnen jetzt schon. du glaubst, ein lebensmittel nicht zu vertragen, also gehst du zum arzt. der kennt die offiziellen informationen, testet dich also auf echte allergien. hast du nicht. dann kann man noch relativ leicht laktose-, fruktose- und histaminintoleranz diagnostizieren, das hast du auch nicht. zöliakie (glutenunverträglichkeit)? machen wir eine biopsie der darmzotten! auch nicht. und jetzt ist sense bei den schulmedizinerInnen. bei mir übrigens auch. ab jetzt kann man noch spekulieren: individuelle unverträglichkeit? lässt sich mit konsequentem weglassen des verdachtlebensmittel, einer so genannten auslassdiät, eventuell herausfinden: lässt man es weg und es geht einem besser, dann war’s wohl das. häufig scheint auch der grundsatz zu gelten: was wir nicht diagnostizieren können, dessen existenz verleugnen wir. was tust du also als leidgeplagte/-r konsumentIn: du suchst weiter nach antworten! vollkommen verständlich!

ich habe mich bisher auch noch nicht mit der frage beschäftigt, ob unverträglichkeiten nun in ihrer häufigkeit zunehmen, oder ob die leute, auch aufgrund der medialen ausschlachtung des themas, hypochondrischer werden. wahrscheinlich beides. dass unverträglichkeiten in ihrer häufigkeit zunehmen, erscheint mir plausibel. mitte des 19. jahrhunderts wurden mit justus von liebigs fleischextrakt und der margarine die ersten “künstlichen” lebensmittel erfunden. bis dahin aß die menschheit im wesentlichen mehr oder weniger viel fleisch, körndln, gemüse, obst, erdäpfel, milch(produkte), hülsenfrüchte, fisch. jahrtausende hinweg also mehr oder weniger das gleiche, verarbeitet maximal thermisch (kochen, braten, backen) und/oder mechanisch (mahlen, sieben, …). was wir uns seit gut hundert jahren alles einfüllen, ist dem körper oftmals vollkommen neu: süßstoffe, aromen, farbstoffe und wie sie alle heißen. oder bis zur unkenntlichkeit verarbeitetes. mir erscheint es daher, auf der basis meines wissenschaftlichen hintergrundes, nicht abwegig, dass der körper nicht mit allem von dem vielen neuen so mir nix dir nix umgehen kann und die eine oder andere unverträglichkeit entwickelt.

pfuh, da habe ich jetzt in ein wespennest gestochen! denn je mehr ich mich ins thema eingrabe, desto dringlicher erscheint es mir auch, das zu tun. es gibt immer mehr fragende konsumentInnen und kaum seriöse antworten. und, das streue ich mir jetzt einmal selbst rosen, ich glaube, es gibt auch nicht viele, die so ticken wie ich: für mich muss alles, hinter dem ich stehen kann, wissenschaftlich erklärbar und plausibel sein. gleichzeitig will ich aber nicht dogmatisch ablehnen, was (noch) nicht erklärbar ist. ich will so lange suchen, bis ich das nicht-erklärbare erklären kann – oder es als unwissenschaflich ablehnen muss. das ist der fluch meines forscherdrangs. brotlos und immens zeitraubend. aber solange ich es mir leisten kann, bleibt das so!

so, jetzt schaue ich aber endlich einmal, was das sein soll, die bioenergetische blutdiagnose. und finde: wieder biophotonen! mit quantenmechanik lässt sich ja wunderbar argumentieren, weil sie nämlich niemand versteht. ich versuche, das dennoch zu tun. das ist mein resümee: biophotonen sind photonen. photonen wiederum sind lichtteilchen (licht hat ja teilchen- und wellencharakter gleichzeitig.) biophotonen sind biologischer herkunft und haben eine ganz, ganz geringe intensität. ich zitiere den spiegel “ein schwaches Leuchten in lebenden Zellen. [...], entsprechend dem Schein einer Kerze aus zwanzig Kilometern Entfernung.” der oben schon erwähnte deutsche physiker fritz-albert popp forscht auf diesem gebiet, er tut das übrigens in einem privatinstitut. die existenz der biophotonen gilt als gesichert, die fachwelt ist aber, euphemistisch, gespalten ob popps erkenntnisse.
er sagt, stark vereinfacht ausgedrückt, dass lebende zellen länger leuchten als tote, frisches material länger leuchtet als älteres. er sagt weiters, dass dieses licht kohärent ist, das heißt, wieder sehr vereinfacht, gleichgeschaltet. das habe die funktion, ordnung in der zelle zu schaffen. wieder der spiegel: “Diesen Gedanken hat Popp weiterentwickelt. Sonnenlicht ist eine elementare Nahrungsquelle der meisten Lebewesen. Aus ihm beziehen auch wir Menschen auf zellulärer Ebene Energie und ordnende Signale.”
jetzt wikipedia (ich weiß, dass das für wissenschaftliche arbeiten nicht zitierfähig ist, das hier ist aber keine wissenschaftliche arbeit, und für den einstieg ins thema reicht’s!): “Die Ansicht der Vertreter der Theorie, dass diesem Phänomen eine physiologische Bedeutung zukommt, hat bei Biologen und Physiologen bisher kaum Zustimmung gefunden, wohl aber in der Esoterik und in Teilen der Alternativmedizin.” sogar der betreiber der oben genannten diagnostik-seite gibt zu bedenken: “Diese hinweisdiagnostische Biophotonen-Blutanalyse ist wissenschaftlich umstritten [...]. Die Methode ist wissenschaftlich noch nicht evaluiert. Insofern haben die erlangten Ergebnisse lediglich hinweisenden Charakter.” und wieder wikipedia: “Physikalisch kann die Strahlung mittels hochempfindlicher Photonendetektoren nachgewiesen werden. Da diese Messung jeweils nur die abgestrahlten Photonen erfassen kann, ist der Rückschluss auf die in den Zellen herrschenden Strahlungsverhältnisse nicht direkt möglich. Kritiker dieser Theorie weisen darauf hin, dass insbesondere die postulierte Kohärenz der Photonen nicht nachweisbar sei.”

in der zwischenzeit war ich auch beim alternativen qualitätsforscher. der misst zwar keine biophotonen, sondern elektromagnetische strahlung, und bei meinem besuch hat er nicht lebensmittel vermessen, sondern mich. das ist die ursprüngliche anwendung der methode: die elektromagnetische abstrahlung der zehn finger des menschen zu vermessen, um über die meridiane rückschlüsse auf das befinden einzelner organsysteme zu erhalten. lebensmittel damit auszutesten, ist eine anwendung, die später dazukam.
die messungen an mir dienten also dazu, mir die methode näher zu erläutern sowie meine skepsis zu beseitigen. gelungen ist nur ersteres: die methode ist spannend und, soweit ich das beurteilen kann, kein humbug, ich bleibe also interessiert. aber auch weiterhin skeptisch, denn die ergebnisse stimmten nicht mit meiner subjektiven befindlichkeit überein.
die biophotonenmessung in der lebensmittelqualitätsforschung ist mir übrigens in letzter zeit immer öfter untergekommen, auch in seriösem zusammenhang. dafür habe ich auf mein mail an einen mediziner, der mittels biophotonen-blutdiagnostik nahrungsmittelintoleranzen diagnostiziert, mit der bitte um wissenschaftliche hintergrundinformationen zur methode keine antwort erhalten. das allein ist für mich ein indiz fehlender seriosität.

so, jetzt komme ich also endlich zu meinem einstweiligen resümee und einer antwort für die vielen lieben fragenden menschen: für mich ist, auf der basis meines wissenschaftlichen verständnisses, die biophotonen-sache höchst spannend und auf keinen fall vollkommener humbug. wir werden uns in der lebensmittelqualitätsanalyse daran gewöhnen müssen, dass es mehr zu messen gibt als nährstoffgehalt, antioxidatives potenzial und sekundäre pflanzeninhaltsstoffe. die vorhandenen erkenntnisse allerdings auf die blutdiagnose umzulegen und insbesondere damit nahrungsmittelunverträglichkeiten zu diagnostizieren, halte ich zum gegebenen zeitpunkt nicht für seriös.

ich bleibe aber dran und werde die entwicklungen weiter verfolgen. sollte jemand sachdienliche hinweise für mich haben (wissenschaftliche!!!), bitte her damit!

einstweilen bleibt meine empfehlung für alle menschen mit (vermeintlichen) unverträglichkeiten – wie für alle anderen auch: gut essen, das heißt für mich bio, regional, saisonal, möglichst wenig verarbeitet, frisch, möglichst ohne zusatzstoffe und möglichst selbst gekocht.

was ich am vegetarismus-diskurs gar nicht mag


vorigen mittwoch lud das südwind-magazin zu einer podiumsdiskussion mit dem titel “tiere essen: entwicklungspolitische perspektiven“. ich ging hin. jonathan safran foers buch-boom habe ich ja auf der anderen welthalbkugel versäumt. und auch, wenn ich mir schon dachte, dass da nicht viel (mir) neues kommen würde; anregend würde es auf jeden fall sein. ah ja, schließlich wollte ich noch martin schlatzer in echt sehen, dessen buch “tierproduktion und klimawandel” kürzlich erschienen ist. er ist nämlich auch ernährungswissenschafter und wurde als ernährungsökologe angekündigt, von deren offizieller existenz in österreich ich noch nicht wusste. 

der veranstaltungsraum im dritten stock der wiener hauptbücherei war knallvoll. das thema ist offensichtlich geeignet wie kaum ein anderes, die menschen aus ihrer ernährungslethargie zu reißen. das ist gut. dennoch fühlte ich mich zeitweise relativ unwohl.

wer mich kennt, weiß, wie suspekt mir jegliche ausprägung von dogmatismus ist. ich habe noch einmal nachgeschaut, der duden definiert: “starres, unkritisches Festhalten an Anschauungen, Lehrmeinungen o. Ä.” ja, und genau das war’s, was ich in einigen wortmeldungen und reaktionen auf wortmeldungen aus dem publikum herausgehört habe. da war eine mittelalte dame, offensichtlich vegetariern oder veganerin, die behauptete, dass allein vom gebiss des menschen abzulesen sei, dass er seit jeher pflanzenfresser wäre. (wie sich das von seinem allesfressergebiss ablesen lässt und warum der mensch einen verdauungstrakt hat, der kürzer als der von pflanzenfresser-kühen, -pferden, -ziegen und länger als jener von fleischfresser-katzen und -hunden ist, bleib offen.) dann kam eine wortmeldung einer jungen frau, die das grundübel in der “neoliberalen, kapitalistischen wirtschaftsordnung” sah (und einige wirklich [nicht ironisch!] gescheite argumente anhing), was mit tosendem applaus der zustimmung (davon gehe ich aus) quittiert wurde. dasselbe publikum reagierte mit fast ebenso tosendem applaus später auf karl wrenkhs sinngemäßes zitat, er wäre zwar kein vegetarier, begrüße aber die entwicklung sehr, dass es immer mehr vegetarier gäbe, denn er lebe ja schließlich von ihnen.
selbstverständlich, das will ich natürlich nicht weglassen, gab es auch sehr viele (für mich) sehr schlüssige wortmeldungen.

warum jetzt also der ganze palaver? weil ich mich ärgere.
ich respektiere (fast) jede weltanschauung und lebensweise. dass ich fleisch esse, heißt nicht, dass ich die argumente der nicht-fleisch-esserInnen nicht verstehe. ich trage die meisten davon sogar mit. ich esse ja auch nicht jedes fleisch und auch nicht oft!
was ich aber ganz und gar nicht aushalte, ist, vice versa nicht respektiert, ja mitunter sogar angefeindet zu werden. ich mag die lantente feindseligkeit im diskurs nicht. ich mag auch nicht, wie eindimensional und undifferenziert die tiere-essen-debatte oft geführt wird; und argumente, die schlichtweg falsch sind. oder, anders gesagt: starres, unkritisches festhalten an anschauungen.
ich will auf augenhöhe diskutieren, sonst kann ich mein gegenüber nicht ernst nehmen!

und ich bin der meinung, dass es viel zielführender wäre, gemeinsam zu argumentieren, also veganerInnen, vegetarierInnen und bewusst-wenig-und-wenn-dann-ordentlich-produziertes-fleisch-esserInnen, statt einander argwöhnisch bis feindselig gegenüberzutreten. natürlich sind wir nicht flächendeckend einer meinung, aber ich meine doch, dass wir mehr kongruenz haben miteinander als beispielsweise mit konventionellen massentierproduzentInnen.